Am 2. Oktober rief die Berliner CDU zum Wahlkampf auf den Wittenbergplatz, um mit Blickkontakt auf das KaDeWe sich selbst und vor allem aber den geladenen Stargast, den “Kanzler der Einheit” Helmut Kohl zu feiern. So wurde es denn auch gerade für diesen ein Heimspiel.
Aber der Reihe nach: Nachdem Angela Merkel einige einleitende laue Worte gesagt hat – es geht um viel Mitgefühl für und Solidarität mit Amerika, irgendwo im Publikum wird eine amerikanische Flagge geschwenkt -, tritt Spitzenkandidat Frank Steffel an die Mikrofone. Die Dämmerung hat gerade erst eingesetzt, und erfreulicherweise versperren keine Regenschirme die Sicht.
Auch Steffel erinnert zuerst an die Anschläge vom 11. September, und betont, daß hier “Wahnsinnige” die “freie, offene Demokratie” und den Rechtsstaat angegriffen hätten. Die Folgen seien sichtbar: die Wirtschaft leide, schon jetzt hätten Tausende ihre Arbeitsplätze verloren, Amerika schlittere womöglich in eine Rezession – als sei es da nicht sowieso schon gewesen, und als hätten wir sonst keine Sorgen, was die mögliche Zukunft angeht.
Im Gegenteil: gegen einen solchen Angriff müsse man sich “mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln” wehren. Welche das sind, sagt er nicht, wohl aber, von wo die Gefahr droht: von links, natürlich. Denn wer nicht sehe, daß von Gewalt bis Graffiti eine Gefahr für die innere Sicherheit ausgehe, der könne diese Stadt nicht regieren. “Feinde der Freiheit” sei die PDS – der Feind -, und die Herrschaft der SED sei es gewesen, die dazu geführt habe, daß ein Drittel der Berliner vierzig Jahre lang “ausgesperrt”, zwei Drittel “eingesperrt” gewesen seien.
Wo für Frank Steffel drinnen und wo draußen ist, dürfte klar sein. (Es hat sicherlich auch den Vorteil, daß man sich über die alte Blockpartei CDU von ‘draußen’ keine Gedanken machen muß.) Hier, auf dem Wittenbergplatz, sind wir jedenfalls voll drinnen. Gottseidank nicht eingesperrt, denn auf dem weitläufig abgesperrten Areal tummeln sich nach Polizeischätzungen etwa 2000 Personen. Genug Platz, um frei herumzulaufen.
Wer habe denn, fragt Steffel rhetorisch, die RAF logistisch, politisch und anderweitig unterstützt? Die SED natürlich, und die PDS sei im Grunde immer noch die alte: SED. Da mag Steffel ja nicht unrecht haben, aber droht deshalb Berlin wirklich “nach Peking und Havanna die dritte sozialistische Hauptstadt der Welt” zu werden? Hat, oh alte Floskel, die SPD die “Gemeinschaft der Demokraten verlassen”, indem sie sich von ihnen tolerieren, ja nachgerade wählen ließ?
Deutschland geht es schlecht. Die Preise steigen ebenso wie die Arbeitslosigkeit. Früher, meint das, war alles besser: da regierte noch die CDU und dergleichen kam natürlich nicht vor. Niemals. Auch hier in Berlin würde mit der CDU endlich alles besser: die Steuern würden gesenkt oder gleich ganz wegfallen – kurzerhand werden dabei auch ein paar Steuern gesenkt, die Bundesangelegenheit sind, aber egal – eine “Elite-Universität” muß her, “Pluralität statt Einheitsschule” und vor allem der “Großflughafen”. Dreimal wiederholt Steffel dieses Mantra, als werde der Flughafen durch reine Beschwörung entstehen.
Mehr Programm gibt Steffel heute nicht zum besten, auch wenn Diepgen später versuchen wird, dies in einem gewissermaßen performativen Sprech- und argumentativen Kraftakt nachzuholen: “Frank Steffel hat sein Konzept hier vorgetragen.” Hat er nicht. Aber was soll er auch sagen, hat doch die CDU all das, was er hier ankündigt, in den vergangenen Regierungsjahren auch nicht durchgesetzt.
Schwebte die deutsche Einheit schon bei Steffel im Hintergrund immer mit, so steht sie bei Helmut Kohl, am Vorabend des Feiertags, ganz im Mittelpunkt. Ausführlich darf er von Gorbatschow und Mitterand erzählen, bekommt viel Applaus: ganz der Staatsmann, ganz der Redner. Darf er, soll er. Zwischendurch teilt er ein paar Spitzen aus, rhetorisch geschickter verpackt als bei Steffel, wettert gegen “die Sozialdemokraten und ihre Helfershelfer”, warnt, daß es keine Investitionen geben werde, “wo Kommunisten herrschen”. Die SPD habe vor 1990 die “Idee der deutschen Einheit” verraten, indem sie die Hoffnung aufgeben wollte, und nie begriffen, was die historische Stunde geschlagen habe. Etwas verächtlich berichtet er, Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister, habe am 10. November 1989 gesagt: “Es geht nicht um Wiedervereinigung, es geht um Wiedersehen.” Was daran damals so falsch gewesen sein soll, erklärt er nicht. Es verrät allenfalls, daß die “Idee” hier mehr wert war als die konkreten Menschen, und er, Helmut Kohl, war mittendrin in dieser Idee. Am Puls der Zeit, der einzige, der die historische Stunde begriff. Aber dennoch: Wenn er von seinem “Vaterland” spricht, sagt er das abgeklärter, ruhiger und mit deutlich weniger Speichel als Steffel es tat.
Der steht daneben, applaudiert länger als alle anderen und auch lauter, weil er leider direkt neben den Mikrofonen steht. Frank Steffel, so beschwört Kohl in seinem Wahlaufruf die “Berlinerinnen und Berliner”, sei einer, “der es sich zutraut”, einer, der für “eine neue Generation” stehe. Bei dieser “Schicksalswahl”, so ruft er, sollten wir “mit Überlegenheit” wählen.
Für Kohl gibt es minutenlange Ovationen. Er steht und lächelt und freut sich.
Dann darf Diepgen sprechen. Er wiederholt Steffels Aussage, Kohl sei hier in Berlin “immer und zu jeder Zeit herzlich willkommen” – anscheinend kommt keiner um den Bezug zu Kohl herum. Er dominiert das Geschehen, und die Zuschauer waren vor allem wegen ihm hier. Diepgen dankt den “fast sechstausend”, die gekommen seien; ein Großteil des Publikums bewegt sich derweil sichtbar von der Bühne weg. Diepgen redet emotionaler als alle vor ihm, aber das hält die Leute nicht.
Auch Diepgen wettert ein bißchen ziellos gegen die Bundesregierung, gegen Schröder, der ohne “internationalen Einfluß” sei, beschwört den jahrzehntelangen Glauben der West-Berliner CDU an die Einheit Deutschlands (”wenn man beharrlich ein Ziel verfolgt, kann man dieses Ziel auch erreichen”, als hätten die West-Berliner die Mauer eingerissen) und warnt davor, daß Berlin ohne eine “starke Union” zu einer “sozialistischen Gesellschaft” werde. Das Ende Berlins naht: “Berlin … läuft Gefahr, das zu verlieren, was das Typische an der Stadt ist”, nämlich, daß sie deutsch, europäisch und international sei, aber eben auch eine Stadt, “in der die Berlinerinnen und Berliner sich auch wiederfinden”. Ach so.
Klaus Wowereit wurde an diesem Abend eigentlich nur einmal von Frank Steffel erwähnt. “Von dem habe ich nur einen bedeutenden Satz gehört, und der hatte nichts mit Politik zu tun.” Lachen, Applaus. Neben mir ein Ruf: “Und das ist nicht gut so.”
Nationalhymne. Das Publikum singt nur zum Teil mit. Abgang. Während Kohl noch ein paar Fernsehinterviews gibt und sich photographieren läßt, stimmen schließlich ein paar versprengte JU’ler “Helmut, Helmut!”-Rufe an.