Gemeinsames Leid verbindet, heißt es gemeinhin, und im Schatten dieser Alltagsweisheit ist schon fast verwunderlich, wie wenige Freundschaften fürs Leben anscheinend in den Schlangen geschlossen werden, in denen Menschen für Berlinale-Karten anstehen. Zwei Stunden können es schon werden, in denen man gemeinsam seinen Beinen beim taub werden zufühlt, während sich minutenlang nichts zu bewegen scheint. Nein, stundenlang, bestimmt.
Irgendwann sind dann alle auch nur halbwegs interessanten Artikel in der Zeitung ausgelesen, das Buch wird schwer in der Hand und langweilig, die Gedanken schweifen, und meist zum Naheliegendsten: Was machen all diese Leute hier?
Kaum vorstellbar, daß in dieser Stadt so viele Menschen so wie man selbst nur aus Freude an etwas ungewöhnlicherem Filmprogramm durch diese Strapazen gehen. Es soll allerdings sogar Leute geben, die extra anderthalb Wochen Urlaub nehmen, um dann jeden Tag wieviele? zwei? vier? Filme zu sehen, das Stück ab sieben Euro aufwärts. Da lohnt sich vielleicht schon die Dauerkarte à 140 Euro. Mit zwei Wochen Mallorca käme man kaum billiger weg, und der Urlaub wäre sicher nicht so abwechslungsreich.
Sieht man also die Massen vor den Schaltern, die Einheimischen und die vereinzelten Gestalten, die zur Berlinale gar aus dem Ausland zugereist sind, erstaunt es umso mehr, wenn es am Ende, wenn man am Anfang der Schlange steht, überhaupt noch Karten gibt – zumal die V.I.P.s und Pressemenschen und sonstwie Wichtigen sicher nicht zwei Stunden in den Potsdamer Platz Arkaden herumlungern; die kriegen ihre Karten vermutlich irgendwo extra.
So denkt man vor sich hin, mit schwindender Hoffnung auf einen gepolsterten Sitzplatz im gemütlichen Kino, allein in der Menge. Von Freundschaften keine Spur, stattdessen baut sich langsam Konkurrenz auf: schnappt mir der Mann, der gerade an der Kasse ist, jetzt die Karte weg, die ich haben will? Meine Karte? Die letzte für diesen ungarischen Independent-Film?
Und dann, wenige Meter vor der Kasse, entzündet sich doch noch ein Gespräch, an einer Belanglosigkeit; es werden Betrachtungen über das Warten ausgetauscht und Kartenwünsche; welcher Film sich wohl lohne und was man darüber gehört und gelesen habe. Kurz bevor der Akt des Kartenkaufs das gemeinsame Ziel erfüllt und sich die Wege trennen, noch ein letzter Austausch, ein letztes Wort: Wir sehen uns dann nachher. Im Kino.