Alles fließt, das weiß man ja. Natürlich gilt, für unseren Lebensweg wie für Deutschlands Wasserstraßen, daß es unterschiedlich schnell vorwärts gehen kann: es kann hurtig und munter dahinplätschern wie bei einem Gebirgsbächlein oder langsam, mühselig und träge sein wie Vater Rhein, der dafür in seiner chemiehaltigen Tiefe Geheimnisse birgt, Schätze, und was der Nibelungendinge noch mehr sind.
Auch in David Wagners Debütroman Meine nachtblaue Hose fließt alles, aber es plätschert äußerst selten. Kaum, daß sich die Oberfläche auch nur kräuselt, wenn der Roman und mit ihm der Ich-Erzähler eintaucht und abtaucht: Erinnerungsfluß, Bewußtseinsstrom. Ein paar Schwimmstöße, und schon ist man von einem einzigen Punkt aus – trockenerweise die Umkleidekabine in einem Kaufhaus – hinab in den Tagen, als er mit seiner Freundin Fe deren Eltern im Rheinland besucht und sich an seine eigene Kindheit in Bonn erinnert. Dieses Erinnern geschieht bei allem, was er tut oder sieht; so wird ein Gang zur Toilette zum Anlaß für Gedanken über seine Eltern, und der Fisch, den er in einem Restaurant verspeist, erinnert an jenen, den er vor Jahren in den Rhein erbrach: in der Erinnerung paßt auch das vermeintlich Gegensätzliche zusammen.
Viele der Motive, die in diesen Erinnerungen und diesen Erinnerungen an Erinnerungen auftauchen, werden zunächst nur zart berührt und erst später eingehend betrachtet. So dringt man Schwimmzug für Schwimmzug tiefer in das Leben und die Vergangenheit des Erzählers ein, in die reiche, ziemlich fade und ereignislose Bürgerskindheit vor der Wiedervereinigung – mit 68er Eltern und NaziAnverwandten – und die spätere Zeit in Berlin, wo er Fe kennenlernt. Die spiralförmige Struktur dieses Erinnerns, das in einer Art Sog immer tiefer in die Vergangenheit führt, spiegelt sich auch in den Sätzen wieder, die vielfach verschachtelt sind und in denen der Leser immer tiefer in Details und in Vergangenheit gehüllt wird, bis er plötzlich mit einem unvermittelten “dachte ich” schnappatmend an der scheinbaren Oberfläche einer höheren Erzählebene auftaucht.
Das Wasser bleibt ruhig in Wagners Roman – und das nicht nur, weil im Grunde nicht viel passiert, sondern alles nur erinnert wird. Auch der Protagonist treibt durch das ganze Geschehen seltsam distanziert und teilnahmslos. Zumeist sind ihm äußere Ereignisse nur Anlaß für weitere Erinnerungen; und wenn er etwas über das rein Mechanische Hinausgehendes tut, so sehen wir es doch nur wieder durch den Gedankenfluß hindurch, und alles wirkt ein wenig gefühlskalt und verlangsamt.
Die Verlangsamung ist natürlich Absicht, gar Programm: es geht gerade darum, alles zu betrachten und zu zergliedern. Das geht soweit, daß wir uns schließlich gemeinsam mit dem Erzähler wundern, wenn sich einmal “eine Angelegenheit [...] in nur einem Satz zusammenfassen ließ”. Wagners Bilder tragen nicht unerheblich zu diesem Effekt bei und überziehen alles wunderbar mit der “erinnerungsglasierte Hülle”, die der Protagonist an seinem Vater nicht mehr übersehen kann: “Ich versuchte ihn anzusehen, als wäre es das erstemal, versuchte ihn ohne Erinnerungsverkleidung anzusehen, irgend etwas aber liegt immer dazwischen, der Stoff, die Haut, das Fleisch …”
Es wäre also alles ganz wunderbar: eine gemütliche Reise auf einem langen, ruhigen Fluß und zwischendurch gibt’s häppchenweise – mal angedeutet, mal ausgeleuchtet – die Sehenswürdigkeiten des erinnerten Rheintals zu sehen. Allerdings: alles so schön gleich hier. Denn so einheitlich und sicher Wagners Stil auch ist, es fehlen die nötigen Wellen für ein bißchen Abenteuer. Nichts scheint den Protagonisten bewegen zu können, nichts bringt sein Herz in Wallung, läßt, wenigstens ein bißchen, Sturm oder gar Meuterei auf der Bounty seiner Erinnerungen aufkommen. Ja, hat der denn keine Pubertät gehabt, keine wilden Hormonschwankungen wenn schon keine echten Erlebnisse?
Die Geschichte fließt träge vor sich hin, und so elegant Wagner auch Motive einflicht und wieder aufgreift und mit seinen Satzbauten jongliert, so erscheint all das doch etwas zu sehr nach Lehrbuch gemacht, zu glatt; einen Tick zu konstruiert ist es, wie alles zusammenpaßt. Wagners spürbares Bemühen, sein Erstlingswerk mit ganz viel Bedeutsamkeit – Deutschland nach der Wiedervereinigung, Wohlstandsträgheit, kaputte Familie, 68er, Altnazis etc. – aufzupeppen, wirkt da auch eher gestelzt und überlädt die Geschichte ein wenig. Dennoch ist spürbar, daß David Wagner erzählen kann und sicherlich noch das eine oder andere flotte oder langsame Flüßchen auf die Reise schicken kann (und hoffentlich wird). Meine nachtblaue Hose selbst ist allerdings ein wenig wie Marmelade (die in dem Buch nicht nur mit “eingekochter” Erinnerung verglichen, sondern auch viel gegessen wird), nachdem sie zu lange simmernd auf der Herdplatte stand: zähflüssig, nährstoffarm und ein bißchen zu süß.