Portrait David Wagner

 

Es ist, als wolle er verschwinden. Sich hinter dem Buch, das er wie verlegen in seinen Händen dreht, verstecken, darin verlorengehen – dabei steht auf dem Einband laut und deutlich sein Name: David Wagner, und darunter: Meine nachtblaue Hose. Für diesen Roman, seinen ersten, hat er schon mehrere Preise erhalten, zuletzt mit dem Daedalus-Preis zwanzigtausend höchst reale Deutsche Mark: daß man ihn als Autor geehrt hat, kann ihm nicht entgangen sein. Er hat wohl auch schon auf unzähligen Lesungen daraus vorgelesen, doch dennoch klingt seine Stimme beim Lesen zögernd, stolpert gar über die eine oder andere Stelle, und ein wenig monoton, als läse er den Text zum ersten Mal und wüßte nicht recht, wie er das Gelesene betonen soll.

Natürlich ist diese Leseweise auch schlicht dem Buch angepaßt, denn Meine nachtblaue Hose besteht aus einem einzigen Bewußtseinsstrom, der statt Höhen und Tiefen nur Windungen und schön formulierte Wendungen hat. Aber zugleich wirkt es halt doch so, als sei ihm der Text, den er da vorträgt, etwas fremd. Das Nachwort, in dem die Inspiration für den Roman be­schrieben wird, empfindet er, "als hätte ich das gar nicht geschrieben." Und ganz so, wie es da steht, sei es natürlich auch nicht gewesen: eher noch handelt es sich um Überbleibsel einer vor­herigen – viel längeren und weniger dichten – Manuskriptfassung und um den Versuch, Spuren zu verwischen, zu "verwirren und Schlieren zu ziehen".

Dabei sind die Spuren des Autors im Buch mehr als deutlich: David Wagner wurde 1971 in Andernach geboren und hat im Rheinland gelebt und studiert, bis er 1991 zur Fortsetzung seines Studiums nach Berlin gekommen ist; sein Debütroman beschreibt eine westdeutsche Kindheit im Rheinland der 70er und 80er Jahre. Freimütig gesteht Wagner denn auch ein, ein "erster Roman" sei sehr oft autobiographisch, und er gehöre keineswegs zu den Autoren, die sich alles frei ausdenken, worüber sie schreiben.

Es geht ihm jedoch auch weniger um den Inhalt, als vielleicht mehr um das, was er etwa an Peter Handke bewundert: diesen "ehrlichen IchTon", das stilisierte, oft fast künstlich wirkende Schreiben. Während des Schreibens an seinem Roman merkte er auch, wie etwa nach der Hälfte des Textes dessen Thema für ihn immer unwichtiger wurden, und daß er sich mehr und mehr auf das Handwerkliche konzentrieren konnte, eine Erinnerung, die ihm offensichtlich Freude bereitet.

Allerdings erlaubt es ihm nicht alle Arbeit, immer so detailliert an den Texten zu feilen – seine Arbeit für die "Berliner Seiten" und gelegentlich das Feuilleton der FAZ sind ihm willkommene Abwechslung. Als "klassischen Journalisten" mag er sich allerdings ebensowenig verstehen wie er den "Schriftsteller als Leitintellektuellen" geben möchte. Mehr noch, einen solchen könne es schlichtweg "nicht mehr geben", denn ein Autor habe heute nicht mehr Überblick als irgendjemand anders und die "Stoffmenge" sei schlicht nicht mehr so überschaubar wie früher. Zudem sei es keineswegs seine Hauptaufgabe, sich fortwährend zu positionieren – vielleicht, setzt er hinzu, sei er gar "ein bißchen meinungslos". Vorsichtig mit seiner Meinung ist er allemal – Tristesse royale qualifiziert er nur sehr behutsam als "Inszenierung" und "clevere Verlagsidee" ab. Und auch wenn er in Meine nachtblaue Hose politische und historische Fragen antippt – von den Konflikten seiner Generation mit den "68ern" bis zum Nationalsozialismus -, so geschieht das vorsichtig und ohne allzu eindeutige Positionierung. Allerdings zeugt es auch davon, daß diese Probleme ihn umtreiben; und auch wenn, wie er sagt, nicht mehr die ganze Vergangenheit mitgedacht werden müsse, wenn man "Deutschland" schreibe, so klingt eben diese Vergangenheit in seinem Roman doch als dunkler Ton im Hintergrund immer mit.

Überhaupt war es die Beschäftigung mit Deutschland – mit seiner Vergangenheit, mit der Zeit vor der Wende – die David Wagner dazu brachte, Meine nachtblaue Hose zu schreiben. Von ersten Versuchen während der Pubertät abgesehen, so sagt er, habe er erst bei seinen längeren Auslandsaufenthalten wieder mit dem Schreiben begonnen. Dort sei er nach der Wiedervereinigung oft gefragt worden, was sich in Deutschland zur Zeit ändere. Und da habe er sich gefragt, wie er versuchen würde, eine westdeutsche Jugend "jemandem zu erklären, der das gar nicht kennt."

Vielleicht erklärt das ein wenig die eigentümliche Fremdheit, die David Wagner gegenüber seinen eigenen Texten zu empfinden scheint. So introspektiv sein Roman auch scheint, der Blick des Autors ist zugleich immer ein Blick von außen, aus der Fremde. Und fragt man ihn zu genau zu Details aus Meine nachtblaue Hose, weicht er aus, da müsse man wohl "den Autor" fragen. "Aber der ist ja tot, der Autor." Als habe er Roland Barthes’ Diktum so verinnerlicht, daß der Teil von ihm, der diesen Roman geschrieben hat, schon nicht mehr bei uns ist, nicht mehr Teil von dem, der da höchst lebendig vor mir sitzt.

Natürlich kann es auch sein, daß er sich nur verändert hat in dem Jahr, seit er das Buch fertiggestellt hat; oder daß er nur zu eingenommen ist von den Dingen, an denen er gerade arbeitet. Als er darüber zu erzählen beginnt, wird er lebendig. Seine gesammelten Feuilletons werden bald erscheinen, und dann ein Band Erzählungen – Reiseerzählungen, die er erst jetzt, da er wieder daheim bei Frau und Kind sei, die Ruhe finde zu schreiben. (Da ist er wieder, der Blick aus der Ferne, auf das, was er hinter sich gelassen
hat.) Zuletzt signiert er noch ein Exemplar von Meine nachtblaue Hose, mit einer verwehenden, flüchtenden Handschrift, und dann ist er fort.

(unveröffentlicht, Dezember 2000)

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